Titel des Hörstücks

Eine lange Nacht über Albanien. Der Schriftsteller Bashkim Shehu

Ein Platzregen treibt mich in eine der Bars an der Uferpromenade aus geborstenen Betonplatten. Eilig schickt der Wirt einen Jungen los, der kurz darauf mit einem älteren Herrn zurückkehrt. „Ich heiße Vangjel. In welcher Stadt wohnen Sie? …“ Er habe sich selbst Deutsch beigebracht, erzählt er und weiß die Adresse seines Brieffreundes aus der DDR, mit dem er sich im Pionierlager angefreundet hat, auswendig. Das muss in den 50er Jahren gewesen sein, überlege ich, bevor der Vorhang zwischen Albanien und der UdSSR und ihren Verbündeten fiel. Vangjel klemmt meine Reisetasche auf den Fahrradgepäckträger und begleitet mich zur Fähre, die mich nach Italien zurückbringt. Seit meiner ersten Reise im Jahre 2001 kam regelmäßig zu Weihnachten eine Karte aus Durrës.

Am 17.Dezember 1981 erschütterte der Selbstmord von Ministerpräsident Mehmet Shehu das Land. Der schon paranoide Diktator Enver Hoxha behauptete, sein langjähriger Weggefährte sei ein Spion gewesen. Familienangehörige wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Einer der Söhne lebt heute in Barcelona. „Über die damaligen Geschehnisse ist alles gesagt“, findet Bashkim Shehu. „Ich bin Schriftsteller. Wir können über Literatur sprechen.“ Leider ist keines seiner Bücher auf Deutsch übersetzt. Mit den Kenntnissen aus einem Anfängersprachkurs und einem Wörterbuch mache ich mich an die Arbeit. Bashkim, erfahre ich, gilt als Stilist der albanischen Sprache. Das macht es nicht leichter. Doch die Mühe lohnt. Im Roman „Angelus Novus“ lese ich von Häftlingen, die sich Englisch beibringen, um Kant nach einer englischen Ausgabe zu übersetzen…

Ähnliches kenne ich doch irgendwoher… Als ich Vangjel auf einer späteren Reise besuche, ist er allein zu Hause. Seine Frau besucht den Sohn in Italien, auf der anderen Seite der Adria. An der Wand hängen eingerahmte Bilder, die ihm sein wieder aufgespürter Freund aus dem Pionierlager geschickt hat. Vangjel schaut Satellitenfernsehen und nimmt deutsche Volksmusiksendungen auf VHS-Kassetten auf. Sein Liebling ist Hansi Hinterseer.

Zwei Jahre darauf ist sein Handy abgemeldet. Ich kann Vangjel nicht erreichen. Ich frage in Durrës nach seiner Wohnung und stehe vor einer zusätzlich mit einem Eisengitter gesicherten Tür, auf der sein Name steht. Als niemand öffnet, schiebe ich einen Zettel mit einem Gruß unter der Tür hindurch.

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